Anlagekultur – Der Privatanleger als Finanzanalphabet und mündiger Verbraucher (Anleger)

Finanzdienstleistungen sind ein schwieriges Metier. Typischerweise gilt, je unübersichtlicher die Märkte sind, um so unübersichtlicher sind auch die Produkte. Die Märkte 2016 waren und sind unübersichtlich. Im Umgang mit diesen Märkten sind der Kreativität bei der Produktgestaltung und auch der Produktbezeichnung durch die Anbieter (fast) keine Grenzen gesetzt. Auf der Strecke bleiben die privaten Finanzentscheider, denen ein einfaches Verstehen von Anlagelösungen deutlich erschwert wird. Ist das Absicht?

Ein Blick in die aktuellen Diskussionen des Jahres 2016, wie z.B dem möglichen Verbot von Zertifikatekonstruktionen, erleichtert das Verständnis darüber.

Einerseits wird deutschen Sparern, i.d.R. basierend auf Umfragen, in aller Regelmäßigkeit ihr Anlegerfehlverhalten attestiert, Anlegeranalphabetismus festgestellt, Finanzunterricht bereits an den Schulen eingefordert, sowie die bestehende Aktienkultur in D. beklagt. Andererseits wird immer dann, wenn es um ein mögliches Regulieren des Produktangebotes geht, der mündige Verbraucher beschworen. In guten Tagen in der gleichen Pressemitteilung oder sogar im gleichen Interview eines Branchenvertreters. Ja was ist denn nun richtig? Immer das, was gerade passt?

Darüber sind sich wahrscheinlich auch führende Finanzdienstleistungsvertreter nicht einig. Fakt ist jedoch, dass eine solche Diskussion weder dem Vertrauen in die Finanzdienstleistungsbranche, noch den möglichen Geschäften aller Beteiligten (inklusive der Privatanleger) zuträglich ist. Demut und Einsicht in der Diskussion wären ein möglicher und erster Weg der Besserung. Ist es Privatanlegern wirklich einfach möglich bestehende Produktkonstruktionen zu verstehen? Oder scheitert der Versuch bereits beim Namen des Angebotes? Ganz sicher geht es besser und einfacher.

Apropos „Aktienkultur“. Die Branchenanamnese, dass es in D. keine solche gibt, ist schlichtweg falsch. Die deutsche „Aktienkultur“ ist, wie sie ist. Sie ist auch ein Ergebnis des Umgangs mit der Aktie in der Anlageberatung der letzten Jahrzehnte. Und da hat die Branche in der Summe zu wenig für die Aktie getan.
Kultur ist keine Frage des Absatzes, sondern vielmehr eine Frage des sozialen Erlebens und Umgangs mit etwas, wie zum Beispiel der Aktie. Und gerade, wenn bei Anlegern der Eindruck entsteht, dass die Aktie erst „alternativlos“ ist, wenn die Zinsen alle sind, gilt es darüber nachzudenken und neue Wege zu beschreiten. Aber das ist eine wahrliche (und wahrscheinlich sogar „alternativlose“) Kulturfrage – eben eine Frage der Umgangskultur mit Kunden, Anlegern und Finanzentscheidern.

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Achtung Altersvorsorge auf Irrwegen!

Es ist Herbst und sie sind pünktlich zum Weltspartag da, die zahlreichen Umfragen zum Spar- und Anlageverhalten der Deutschen. Was gibt es Neues? Eigentlich, nichts. Im Umgang mit den Ergebnissen wird deutlich, wie es um das Spar- und Anlageverhalten und um das finanzielle Allgemeinwissen steht. Apropos finanzielles Allgemeinwissen. Nein, es sind nicht allein die potenziellen Sparer, welche mit diesem Probleme zu haben scheinen.

In der auflagenstarken Welt erscheint der Artikel „Deutsche sparen weniger fürs Alter – zu Recht“. Beim Lesen steht man unweigerlich vor der Frage, wie der Autor zu einem solchen Schluss kommt.

Was hat sich in den letzten Monaten ereignet, das es sich nicht mehr lohnt für die Zukunft zu sparen?

Wer glaubt wirklich daran, dass es mit der Rente in Deutschland in 20 Jahren so sein wird wie heute?

Sind niedrige Zinsen wirklich ursächlich für das mangelnde Interesse an der Zukunftssicherung?

Ist die Vorsorgewelt „alternativlos“ mit Zinsanlagen oder klassischen Lebensversicherungen verbunden?

Lohnen sich RiesterRenten wirklich nicht mehr? Betrifft das wirklich alle Riester-Sparideen?

ignoranz

Nein, es ist keine rationale Entscheidung vieler Deutscher, wenn für die Zeit nach der Arbeit nicht notwendigerweise gespart wird. Diese Entscheidung ist eine emotionale Entscheidung und als solche ansatzweise verständlich. Wenn die zu dieser Entscheidung führenden Überlegungen so oberflächlich sind wie dieser Artikel und die darin aufgeführten Argumente, dann wird deutlich: sie sind leider falsch. Darüber sollte von Finanzjournalisten geschrieben und Finanzentscheidern gesprochen werden.

Fazit:

Wenn sich die Idee, keine Zukunftssicherung zu betreiben, durchsetzt, handeln wir nach dem Motto „die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Aber Achtung, sie stirbt.

Informationstod am Beispiel einer einfacher Kundendienstleistung

Da haben wir sie gefunden, schnell und einfach, also vorbildlich – die Übersicht der 4 neuen Girokontenmodelle einer Bank auf deren Internetseite. Und dann war es auch schon vorbei mit der Einfachheit. Eine Tabelle mit 5 Spalten, 21 Zeilen und darunter einigen Anmerkungen mit Sternchen lädt zum Verweilen und Entscheiden ein. Von den 105 möglichen Tabellenfeldern haben 31 den Inhalt „kostenlos“, 5 Felder den Inhalt „0,00 €“ und 4 Felder den Inhalt „inklusive“. Es sind 40 Angaben zur Girokontodienstleistung entweder „kostenlos“ oder für „0,00 €“ oder eben „inklusive“ zu haben. Es bleibt die Frage offen, wo für einen durchschnittlich gebildeten Privatkunden der Unterschied liegt. Ein Griff zum Telefon sollte das Problem lösen.

Hier die in den Filialen der Bank erhaltenen Antworten:
1. „Es ist doch egal, sei froh, dass es so ist.“
2. „Wir sind gesetzlich gezwungen die Angaben so zu gestalten.“
3. „Die Angebote sind so individuell wie unsere Kunden.“
4. „Wir wissen es auch nicht.“

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Im weiteren Verlauf der Internetseite wird im gleichen methodischen Vorgehen aufgezeigt, wie ein Wechsel oder die Wahl des Kontomodells erfolgen kann:

  1. Button: „Jetzt beantragen“ 2. Button: „Kontomodell wechseln“

Auch besteht die Wahl aus zwei optischen Nichtalternativen. Aber es wird ja aufgelöst, denn Button 1 leitet zu einer Terminvereinbarung und Button 2 zur Onlineumstellung weiter. Schreibt es doch einfach!

PS: Zwei komplette Zeilen der Kundeninformationstabelle sind IDENTISCH! Ist der Inhalt so wichtig?

Was das mit einer Anlageberatung zu tun? Das Lesen Sie demnächst in der Fortsetzung.

Mann oder Frau – unisex auch bei der Risikoermittlung?

Viele wissenschaftliche Versuche haben sich damit beschäftigt, ob Unterschiede im Anlageverhalten zwischen Männern und Frauen feststellbar sind. Der Trend der Untersuchungsergebnisse legt nahe, dass es Unterschiede gibt. Mit ihrer Untersuchung von Aktionären und Aktionärinnen konnte Meck belegen, dass es selbst zwischen Aktienbesitzerinnen und Aktienbesitzern deutliche Unterschiede in der Risikoeinstellung gibt.[1]

In ihren Versuchen belegen Grable und Britt 2011, dass es für die Feststellung der Risikobereitschaft durchaus beeinflussend sein kann, ob die Datenerhebung geschlechterübergreifend durchgeführt wird.[2] Werden Frauen von Männern beraten kann das einen risikoreduzierenden Einfluss haben. Findet im anderen Fall die Risikoaufklärung von Frauen für Männer statt, waren diesen eher bereit höhere Risiken bei der Vermögensanlage einzugehen.

Das es in der Anlageberatungspraxis kaum vorstellbar ist, dass ausschließlich eine gleichgeschlechtliche Anlageberatung erfolgen kann, empfiehlt sich ein sehr systematisches und vor allem strukturiertes Vorgehen bei der Ermittlung der Risikoeinstellung von Anlegern. Es bleibt aber festzuhalten, dass auch bei einer strukturierten prozessgesteuerten Anlageberatung beide Effekte kaum in Gänze vermieden werden können. Berater sollten diese Effekte kennen und daher zu einer sehr systematischen und strukturierten Risikoeinstellungsermittlung ihrer Kunden übergehen.

Der Beitrag ist Bestandteil der wissenschaftlichen Ausarbeitung: „Ausgewählte Einflussfaktoren auf die Risikoeinstellung von Privatanlegern“ welche in Kürze erscheinen wird.

[1] Meck, S., Brenske, P., Back, M. (2012), Die empirische Untersuchung von Werthaltungen und Einstellungen gegenüber Geld – aktuelle Studien In: Finethikon – Jahrbuch für Finanz- und Organisationsethik, Steinbeis-Edition, Stuttgart, Seite 223 ff.

[2] Grable, J., Britt, S. (2011), A Test of the Video Narration Effect on Financial Risk-Tolerance Assessment

Aktienkultur ist Beratungskultur!

„Wie Draghi die deutsche Aktienkultur rettet“ schrieb am 22.11.2014 das Handelsblatt und führt im gleichen Artikel Vermögensverwalter auf, welche Privatanlegern eine neue Aufgeschlossenheit gegenüber Aktien bestätigen. Aber gibt es eine Kultur, die umsatzabhängig ist? Auffällig ist, dass das Wort „Aktienkultur“ nur phasenweise in D. verwendet wird. Werden viele Aktien von Privatanlegern gekauft, so ist diese „ausgeprägt“, „gut“ oder hat sich sogar „etabliert“. Diese Form der kommunizierten „Aktienkultur“ hat aber einen zeitlichen Rahmen und ist endlich, denn spätestens bei ersten Kursrückgängen findet sie ein jähes Ende.

Der Begriff „Kultur“ stammt in seinem Ursprung sehr wahrscheinlich aus der Landwirtschaft oder besser aus den frühen Zeiten des Ackerbaus. Heute wird „Kultur“ sehr weit gefasst und bezeichnet mit vielen Facetten das, was uns umgibt und ist wie sie ist. So bleibt also festzustellen, dass es eine Aktienkultur, auch mit geringen Umsätzen bei Privatanlegern, gibt.

Ein Blick in die Geldgeschichte verrät uns, dass es mit der Einführung des Vermögenbildungsgesetzes erste Überlegungen und Entscheidungen gab, etwas dafür zu tun, Anleger am Produktivkapital in Form der Aktien zu beteiligen. Kern des Gesetzes war und ist bis heute, die staatliche Förderung der geleisteten Anlagebeträge. Und heute? Es gibt das Vermögensbildungsgesetz noch, die Förderung wird aber nicht nur für Aktien, sondern auch für andere Anlageformen gezahlt.
Wenn die Finanzbranche heute beklagt, dass es keine „Aktienkultur“ gibt, dann reicht ein Blick in die unterschiedlichen Fördermöglichkeiten des Vermögensbildungsgesetzes, welche von Branchenvertretern im Laufe der Zeit eingefordert wurden. Da war und ist die Aktie als Produktivkapital nicht mehr ganz so wichtig.
Es reicht auch ein Blick auf das Marketing der Finanzinstitute, hier ist die Aktie kaum oder nur am Rand finden. Und es reicht auch ein Blick auf die Beratungsschwerpunkte, welche Kunden heute in der Anlageberatung erleben.

Martin Gburek schreibt in seiner aktuellen Kolumne dazu: „Man mag es kaum glauben, aber das Deutsche Aktieninstitut, 1953 gegründet als Arbeitskreis zur Förderung der Aktie (später Arbeitskreis Aktie), stellt seine jüngste Schrift unter das Motto „Aktienkultur leidet erneut“. Noch depressiver geht es kaum. Und das – neben zwei Geschäftsführern – bei einem Präsidium von elf, einem Vorstand von 51, einem wissenschaftlichen Beirat von zwölf und einem Beirat für ökonomische Bildung von sechs Personen, macht zusammen 82, darunter kein einziger Vertreter privater Anleger. Das haben Aktien wahrlich nicht verdient.“*

Fazit: 

Wer die Aktie über Jahrzehnte zur geduldeten Notlösung verkommen lässt, muss sich in Zeiten von Nullzinsen nicht über die erlebbare Aktienkultur beschweren. Es ist auch keine Aufgabe der Politik, hier etwas Förderndes zu tun. Es geht viel einfacher: eine positiv erlebbare Aktienkultur ist eine Frage der Anlageberatungskultur! Ein Aktienbaustein konnte und kann schon immer zu einer objektiven Anlagelösung dazugehören. Mehr Mut!

Quelle: http://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/gbureks-geld-geklimper-der-fluch-der-niedrig-null-und-negativzinsen/11391692-all.html

Kundenorientierung wird ein Ethik-Kongress Thema!

Internationaler Finanzethik-Kongress – Finethikon
Finethikon: das sind interdisziplinäre Ethik-Kongresse, in deren Mittelpunkt die Finanz-, Organisations- und Unternehmenswelt steht. Ethik, Werte und Moral verstehen wir dabei als starke Orientierungshilfen in einem sich rasch wandelnden sozialen und wirtschaftlichen Umfeld. Strukturwandel ist eines der drängendsten Themen in Europa. Als ein nahezu idealtypisches Beispiel kann die Region Kleinwalsertal herangezogen werden, da dieser hier gleich mehrfach im Fokus steht. Neben ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen sieht sich das Kleinwalsertal in Folge der vehementen Ereignisse im globalen Finanzbereich auch als bedeutender Finanzplatz drastischen Umstrukturierungen gegenübergestellt. Aus diesem Grunde herrscht hier eine innovative Atmosphäre, die den Strukturwandel nahezu fühlbar macht.
 
Theorie/Praxis-Workshop
„Kundenorientierung ist nicht nur die Orientierung am Kunden, sondern auch die Orientierung des Kunden.“
 
Abstract
Der Vertrauensverlust in Banken und Sparkassen seit dem Ausbruch der Finanzmarkt-krise ist groß. Ihre Kunden sind zunehmend kritischer und nehmen in diesem Kontext die neuen und beratungsfreien Technologien als Alternative zur Beratung durch einen Kundenberater einer Bank oder Sparkasse wahr. Diese Wechselentscheidungen werden getroffen, obwohl deutsche Sparer in Umfragen ihre Kenntnisse über die Geldanlage- und Vorsorgemöglichkeiten als niedrig einschätzen und selbst kaum in der Lage sind, die Komplexität einer langfristigen Vorsorgeentscheidung zu verstehen. Während man daraus die Aufgabe für Bildungseinrichtungen ableiten kann, das Finanzwissen der Deutschen zu verbessern, und damit Banken und Sparkassen und auch Berater aus der Verantwortung für ihre Umsatzzahlen nehmen würde, kann man sich stattdessen fragen, welche Chancen diese Entwicklungen für Filialbanken und Sparkassen bieten, sich mit ihren Beratungsdienstleistungen für die Kunden unentbehrlich zu machen. Ein Ansatz hierfür kann insbesondere darin liegen, die Mehrwerte einer kundenorientierten vertrauensbasierten Beziehung für die Kunden erlebbar zu gestalten.
Im Workshop werden Wege aufgezeigt, inwieweit das mit unterschiedlichen Maßnahmen erreicht und begleitet werden kann.
  1. Moderne Kundenberatung – Vertrauen trifft Verantwortung
  2. Die dynamische kundenzentrierte Beraterzuordnung© – Betriebswirtschaft trifft Kundenorientierung
  3. Der Kundenbeirat – Vertrauen trifft Vertrauen
  4. Der neue Steinbeis Zertifizierungslehrgang „Angewandte Finanzpsychologie“