„Lieber später als heute das Geld auf den Kopf hauen“ (faz.net, 22.8.2019)

„Bisher dachten Wissenschaftler, Menschen geben Geld lieber heute als später aus. Doch in einer alternden Gesellschaft könnte sich das ändern. Das würde auch das Phänomen negativer Zinsen erklären. Müssen Ökonomen ihre Lehrbücher umschreiben?“ (faz.net, 22.8.2019)

Für das Verständnis und zur Diskussion des Artikels lohnt es sich, die folgende Fakten zu kennen und vor allem zu akzeptieren:

  1. Geld, Zinsen, Aktien und Fonds sind keine Begriffe, Ideen oder Werte, welche in unserem Gehirn fest (also evolutionsbiologisch) verankert sind. Es gibt keine spezielle Region im Gehirn, wo die Begriffe fest hinterlegt sind. Das ist zum Beispiel bei Kreisen, Bäumen, Bienen und Kirschen anders.
  2. Der Umgang mit Geld, Zinsen und Aktien erfolgt auf der Reaktions-, Verhaltens- und Entscheidungsebene, auf der unsere Vorfahren vor tausenden von Jahren Tiere jagten oder Beeren sammelten. Auch deswegen sind wir im Verhalten und im Umgang mit Geld und Aktien so unsicher (Biases/Heuristiken).
  3. Der evolutionsbiologische Lernprozess für den Umgang mit Geld ist noch nicht abgeschlossen, da er mehrere tausend Jahre dauert. Geld, Aktien, Fonds gibt es erst wenige Jahre. Deswegen gilt: „Der Mensch ist ein soziales Wesen, er kann mit Geld (Zinsen, Aktien u.a.) nicht umgehen.“
  4. Das kurzfristig gewinnorientierte Verhalten ist ein Ergebnis der evolutionsbiologischen Entwicklung. Wenn sich langfristig gewinnorientiertes Verhalten durchsetzen soll, ist das entweder
    A) ein mit hohem kognitivem Aufwand verbundener Prozess (und der wird von Individuen vermieden, weil er mit einem sehr hohen Energieverbrauch verbunden ist) oder
    B) ein evolutionsbiologischer Veränderungsprozess. Aber dafür muss die Veränderung wesentlich, nachhaltig und vor allem dauerhaft und im evolutionsbiologischen Sinne sein. Dieser Anpassungsprozess würde also wieder einige tausend Jahre dauern.
    Fazit: Wir alle werden es nicht erleben und deswegen lohnt es sich nicht, darauf zu spekulieren!
  5. Es sind die Verhaltenstheoretiker, die davon ausgehen, „dass Menschen dem Konsum von heute grundsätzlich mehr Wert beimessen als jenem von morgen“. Die Wirtschaftstheoretiker gehen vielmehr in weiten Kreisen davon aus, dass der Zins als Preis zum Sparen für später anregt. Und das wird gerade zurecht diskutiert, weil sie einem Erklärungsdilemma stecken. Denn Menschen sparen beobachtbar auch ohne Zinsen und trotz Inflation.
  6. Wer also davon ausgeht, dass sich die Zeitpräferenzen beim Sparen verschieben, hat entweder viele Jahrhunderte Zeit oder andere ökonomische oder politische Interessen. Einige wirtschaftstheoretische Lehrbücher sollten mindestens dahingehend überarbeitet werden, da die eine oder andere ökonomische Theorie gerade Kraft menschlichen Verhaltens zerbröselt wird.

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