Halten oder Loslassen – Die Psychologie der Anlage

„Hast du deine Freundin, weil du sie liebst oder liebst du sie, weil du sie hast?“ fragt Prof. Dr. Ivo Bischoff, Finanzwissenschaftler an der Uni Kassel provokant und beschreibt damit den Endowment-Effekt einmal anders. Besitztumseffekt, nannte der amerikanische Verhaltensökonom Richard Thaler 1980 die Wirkung, dass der wahrgenommene Wert eines Gutes höher ist, wenn man es besitzt. In Verhandlungssituationen sinkt dadurch die Bereitschaft zu zahlen als der objektive Wert des Gutes ist. Umgekehrt wird ein höherer Preis gefordert, als das Gut objektiv wert ist. Praktisch sieht das so aus: Schwärmt Ihnen ein Makler bei der Besichtigung von Ihrem Leben in Ihrer neuen Wohnung vor, dann fällt es Ihnen abschließend schwerer sich nach dem Verkaufsgespräch auf Ihrer Terrasse von der Wohnung zu verabschieden.

Nach einem „homo oeconomicus“ klingt das nicht. Dieses in der neoklassischen Wirtschaftstheorie beliebte Idealmodell, des rein rational handelnden Menschen, der in einem vollkommenen Markt agiert, welcher die Preise durch Angebot und Nachfrage reguliert. Aber sowohl die Verhaltenspsychologie als auch die Hirnforschung zeigen, wie stark Emotionen an Wirtschaftsentscheidungen beteiligt sind. Inzwischen gibt es viele Gemeinschaftsprojekte bei denen Wirtschaftswissenschaften, Psychologie und Hirnforschung gemeinsam versuchen, unser wirtschaftliches Verhalten zu ergründen.

Unser Gehirn hat sich in Jahrmillionen Jahren entwickelt. Geld gibt es erst seit einigen Jahrhunderten, erklärt Wirtschaftspsychologe Janko Laumann, Leiter des Instituts für angewandte Finanzpsychologie in Siegen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es im Gehirn keine „Geldregion“ gibt. Im MRT zeigt sich, dass der zum Belohnungssystem gehörende Nucleus accumbens, die für Emotionen und Bewertungen zuständige Inselrinde und der mediale präfrontale Kortex, der für Planen und Abschätzen zuständig ist, beim Kaufen und Verkaufen von Aktien beteiligt sind. Interessanterweise ist der präfrontale Kortex beim Verkauf mit einem hohen Preis aktiver und inaktiver, je höher der Preis beim Kaufvorgang wird. Möglicherweise führt also nicht der Besitz zu einem hohen Verkaufspreis sondern der Verlust.

Aber wie verhalten sich Anleger mit ihren „Steinzeitgehirnen“ zum Phänomen der Geldwirtschaft? Machen sie ihre Entscheidungen von denen anderer abhängig? Die beliebte „Herdenthese“ schied 2006 nach einem Experiment der Bank of England und den Universitäten Heidelberg und Bonn aus. Im Gegenteil – erstaunlich viele der 6.500 getesteten Versuchsper- sonen entschieden sich gerade deswegen gegen eine Aktie, weil sie zuvor von Mitspielern gekauft worden war. Wahrscheinlich reagieren viele vermögende Deutsche mit einer Vermeidungsstrategie auf die Überforderungen der Geldwirtschaft, erklärt Janko Laumann. Die Geldwelt scheint vielen Anlegern zu unübersichtlich und vor allem unkalkulierbar geworden zu sein. Die Menge der täglichen Informationen aus der Finanzwelt ist unüberschaubar hoch. Ein Verarbeiten, Verstehen und in der Folge fehlerfreies und folgenloses Entscheiden ist scheinbar unmöglich. Also werden neue Anlageentscheidungen aus Angst vor Geldverlust vermieden, und das Geld bleibt niedrig verzinst auf dem Konto liegen. Die Konsequenzen niedrig verzinster Anlagen fürchten Anleger offenbar nicht, beschreibt Janko Laumann das Phänomen weiter.

Die funktionelle Magnetresonanztomographie trägt dazu bei, zu verstehen, welche Rolle Emotionen bei Anlageentscheidungen spielen. Bei Simulationen mit Probanden im MRT zeigte sich, dass die Angst vor Verlusten bei vielen Anlegern schon Schmerzen auslöst, wenn sie nur daran denken, erklärt Laumann. Die Vorfreude auf Gewinne hingegen lässt andererseits Risiken kleiner erscheinen, weil das Belohnungszentrum bereits aktiv ist, bevor die Gewinne realisiert werden. Das führt laut Laumann dazu, dass Anleger in Gewinnsituationen zu zeitig die Gewinne realisieren und in Verlustsituationen die betroffenen Anlagen zu spät verkaufen. Die Verhaltensökonomie erforscht plausible Erklärungen für irrationale Verhaltensweisen bei wirtschaftlichen Entscheidungen. Die Erkenntnisse können dazu beitragen, dass Menschen ihre Entscheidungsfähigkeit getrennt von der individuellen Wahl betrachten.

Janko Laumann sieht das praktisch so: Wer sich schon vor der Kaufentscheidung Gedanken darüber macht, was zu tun ist, wenn die Anlage steigt oder fällt, dem kann es gelingen, seine Emotionen zu bändigen und fehlerfreier zu entscheiden. Mit diesem Trick gelang es schon Odysseus als einziger dem Klang der Sirenen zu lauschen und wieder zurückzukehren.

Der Artikel ist erschienen in der Zeitschrift Transparent – Das Magazin für Vermögen, Sinn und Glück, Herausgeber Avesco Financial Services AG, Autorin Christiane Meyer-Ricks, (Freie Journalistin) redaktionsleitung@avesco.de

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